Chorus: der Effekt, der die 80er definierte
Wusstest du, dass der erste Chorus der Welt vierhundert Jahre vor dem ersten Pedal in einer Kirche erklang? Der Chorus-Effekt prägte die Musik der 80er so stark, dass er zum Markenzeichen der ganzen Dekade wurde. Seine Geschichte führt von der Orgel über einen Bandtrick in Abbey Road bis zur blauen Kiste auf den Pedalboards von Prince und The Cure.
Schau dir die ganze StompStory 3 Folge an
Die ganze Geschichte des Chorus und den kompletten Soundtest hörst du in der dritten Folge von StompStory mit Bassist Matej Krivanek. Schau dir das Video auf unserem YouTube an und schreib in die Kommentare, welcher Chorus dir am besten gefällt. Unten findest du die ganze Geschichte als Text plus Links zu allen getesteten Chorus-Pedalen.
Was ist ein Chorus-Effekt und wie funktioniert er?
Ein Chorus-Effekt fügt deinem Signal eine eigene Kopie hinzu, um einige Millisekunden zeitversetzt, und verstimmt diese Kopie leicht. Deine Gitarre oder dein Bass bekommt dadurch Tiefe und Breite, als würden zwei Leute gleichzeitig spielen.
Flanger, Chorus, Reverb und Delay gehören zu einer technischen Familie und ihre Architektur ist im Prinzip identisch. Alle arbeiten mit einer zeitversetzten Kopie des Signals. Der Unterschied liegt nur in der Kombination von drei Parametern. Der erste ist die Delay Time, die bestimmt, wie lange es dauert, bis die Kopie erklingt. Der zweite ist die Modulation, also der LFO, der entscheidet, ob und wie schnell sich diese Zeit dynamisch ändert. Der dritte ist das Feedback, also wie viel des effektierten Signals zurück an den Eingang geht. Chorus nutzt eine kurze Verzögerung und wenig Feedback. Wie sich die einzelnen Effekttypen in der Praxis unterscheiden, erklärt der Artikel wie du einen Gitarreneffekt auswählst.
Woher kommt das Wort Chorus?
Vom englischen Wort choir, also Chor. Und dieser Name beschreibt genau das, was der Effekt mit deinem Sound macht.
Wenn ein ganzer Chor singt oder ein Streichorchester denselben Ton spielt, trifft niemand exakt dieselbe Frequenz zum exakt selben Zeitpunkt. Diese Abweichungen in Intonation und Timing liegen im Millisekundenbereich. Im Raum verschmelzen sie und erzeugen die Tiefe und Breite, die du hörst. Chorus simuliert genau dieses Phänomen elektronisch.
Hat Jesus den ersten Chorus erfunden?
Die erste Technologie, die dieses Phänomen simulierte, kam ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Kirchenorgeln zum Einsatz. Zum Grundton der Pfeifen kam eine weitere, um ein paar Cent nach oben verstimmt. Gleichzeitig gespielt verschmolzen die beiden Töne zu einem, der voller und räumlicher wirkt. Also ja, der erste Chorus der Welt erklang in einer Kirche, vierhundert Jahre vor dem ersten Pedal.
Wie die Beatles in Abbey Road den ersten elektronischen Chorus bauten
Den ersten elektronischen Chorus baute Toningenieur Ken Townsend im Studio Abbey Road. Nicht weil er einen neuen Effekt wollte. Er wollte nur, dass John Lennon aufhört zu leiden.
Als The Beatles in Abbey Road aufnahmen, musste Lennon immer wieder gedoppelte Vocals einsingen. Townsend wollte ihm das ersparen und erfand das ADT-System, artificial double tracking, manchmal auch automatic double tracking genannt. Es lief über Bandverzögerung. Beim Mischen schickte er den Gesang von einer Bandmaschine in die andere und veränderte mit einem Oszillator leicht die Geschwindigkeit. Dieses bearbeitete Signal mischte er dann mit dem Originalgesang. Der erste Chorus war da und Lennon musste keine einzige Note neu singen. The Beatles waren von der Technik begeistert und nutzten sie ausgiebig auf dem wegweisenden Album Revolver von 1966, danach auf fast jedem weiteren Album außer Let It Be. Es funktionierte für alles Mögliche: das Gitarrensolo in Taxman und die Reverse-Gitarre in I'm Only Sleeping.

Wie John Lennon das Wort Flanger erfand
Das Wort Flanger wird in der Gitarrenwelt bis heute benutzt. Es entstand, weil Produzent George Martin sich Unsinn ausdachte, nur um Ruhe vor Lennon zu haben.
Lennon fragte Martin aus Neugier, nach welchem Prinzip dieses automatische Doppeln der Vocals funktioniert. Martin antwortete, das sei viel zu kompliziert und er würde es nicht verstehen. Lennon gab nicht auf, also erfand Martin eine technisch klingende Antwort. Es war kompletter Unsinn, aber er funktionierte. Von da an fragte Lennon immer nach Kens Flanger, wenn er den Trick nutzen wollte. Erst Jahre später erfuhr George Martin, dass der Begriff Flanging in der Musikwelt längst existierte und etwas anderes bedeutete. Es war eine Technik mit zwei synchronisierten Bandmaschinen, die denselben Sound auf eine dritte spielten. Der Tontechniker konnte dann mit dem Finger den Lauf eines Bandes gegen das andere verlangsamen und erzeugte so dieses bekannte zischende Geräusch.
Der BBD-Chip: die Entdeckung, ohne die Chorus nie in ein Pedal gepasst hätte
Damit Chorus von Bandmaschinen in eine Kiste auf dem Boden kam, brauchte die Welt eine entscheidende Entdeckung. Sie kam 1969, als die Ingenieure Frans Sangster und Kees Teer bei Philips den integrierten Schaltkreis BBD vorstellten, das Bucket Brigade Device. Es ist ein analoger Schaltkreis, der eine Zeitverzögerung erzeugt, indem er elektrische Ladung durch eine Reihe von Kondensatoren und Transistorschaltern verschiebt. Der Name kommt von der Menschenkette, die beim Löschen Wassereimer weitergibt. Philips verkaufte das Patent für diesen Chip später an Roland. Und damit beginnt die moderne Geschichte der Chorus-Pedale.
Roland JC-120 Jazz Chorus: der Chorus, der sich in der Luft mischt
Der erste legendäre Chorus war kein Pedal. Er war in einem Gitarrencombo verbaut. 1975 kam Roland mit dem JC-120 Jazz Chorus und die Gitarrenwelt veränderte sich für immer.
Die Ingenieure mischten den cleanen und den effektierten Sound nicht elektrisch im Schaltkreis. Sie nutzten einen physikalischen Trick. Der rechte Lautsprecher spielte das völlig clean-trockene Signal der Gitarre. Der linke spielte das Signal, verzögert über den BBD-Chip und moduliert von einem LFO-Oszillator. Der Sound mischte sich erst akustisch, in der Luft vor dem Combo. So entstand ein tiefer, dreidimensionaler Raum, den bis dahin niemand gehört hatte. Ein Detail zum Schluss: der Prototyp dieses Combos wurde für Joni Mitchell gebaut, die damals Material für das Album Hejira schrieb. Und mit ihr spielte zu der Zeit Jaco Pastorius.

Boss CE-1 und der blaue CE-2: warum jedes Chorus-Pedal blau ist
Jedes Chorus-Pedal ist blau wegen einer Kiste von 1979. Sie heißt Boss CE-2 und war das erste kompakte Chorus-Pedal der Welt.
Gitarristen liebten den Sound des JC-120, wollten diesen Chorus aber auch mit anderen Amps nutzen. Deshalb gründete Roland 1976 die Tochtermarke Boss, und ihr allererstes Produkt war das Pedal CE-1 Chorus Ensemble. Im Grunde der aus dem Combo entnommene Schaltkreis, verbaut in ein robustes Metallchassis mit Stromversorgung direkt aus der Dose. 1979 kam der blaue CE-2, mono, betrieben mit einer 9V-Batterie, und wurde zum Dauergast auf Pedalboards weltweit. Seine blaue Farbe definierte den visuellen Stil der ganzen Kategorie, und heute hat fast jeder Hersteller einen blauen Chorus im Programm. The Police, The Smiths, The Cure, Prince. Das ist nur ein Bruchteil derer, die diese blaue Kiste geprägt hat.

Soundtest: zehn Chorus-Pedale in chronologischer Reihenfolge
Matej Krivanek hat die Chorusse chronologisch aufgenommen, Dekade für Dekade, damit du hörst, wie sich der Sound entwickelt hat. Die Unterschiede zwischen analogen und modernen Modellen sind größer, als du erwarten würdest.
Im Video hörst du den Warm Audio WA-C1, Death By Audio Space Bender, den Klassiker Boss CE-5 Chorus Ensemble, Aguilar Chorusaurus V2, TC Electronic SCF Gold SE, Boss CEB-3 Bass Chorus, Maestro Comet Chorus, Lichtlaerm Audio Nostalgia, Dunlop MXR M83 Bass Chorus Deluxe und Walrus Audio Fundamental Chorus. Wenn du einen historischen Klassiker suchst, schau dir auch den Electro Harmonix Small Clone an.

Häufige Fragen zum Chorus
Wer hat den Chorus-Effekt erfunden?
Toningenieur Ken Townsend im Studio Abbey Road. 1966 baute er das ADT-System, artificial double tracking, damit John Lennon nicht immer wieder dieselben Vocals aufnehmen musste. The Beatles nutzten es auf dem Album Revolver. Die erste akustische Version des Chorus kannten Orgelbauer aber schon im 16. Jahrhundert.
Was ist der Unterschied zwischen Chorus und Flanger?
Die Architektur ist fast identisch, beide arbeiten mit einer zeitversetzten Kopie des Signals. Sie unterscheiden sich in der Kombination von Delay Time, Modulation und Feedback. Chorus hat eine kürzere Verzögerung und weniger Feedback, klingt also weich und räumlich. Flanger hat mehr Feedback und klingt wie ein vorbeiziehender Jet. Die ganze Kategorie findest du bei Chorus, Flanger und Phaser.
Warum sind Chorus-Pedale fast immer blau?
Wegen des Boss CE-2 von 1979. Es war das erste kompakte Chorus-Pedal der Welt und seine blaue Farbe wurde zum Standard, den bis heute fast jeder Hersteller kopiert. Einen blauen Chorus bekommst du auch bei uns, zum Beispiel den Boss CE-5.
Welchen Chorus für den Bass?
Für den Bass such einen Chorus mit Blend-Regler, der die Tiefen hält. Sichere Tipps sind der Boss CEB-3 Bass Chorus, Dunlop MXR M83 Bass Chorus Deluxe oder Aguilar Chorusaurus V2. Das ganze Angebot findest du bei den Bass-Effektpedalen.
Welche Musiker haben den Chorus berühmt gemacht?
The Police bauten ihren gesamten Gitarrensound auf Chorus, The Cure definierten damit die Atmosphäre ihrer Alben, The Smiths hatten ihn im jangligen Gitarrenton und Prince nutzte ihn auf Gitarre und Keys. Joni Mitchell bekam einen JC-120-Prototypen noch vor der Markteinführung.
Wähle deinen Chorus
Chorus ist der Effekt, der aus einer Kiste den Sound einer ganzen Dekade gemacht hat. Schau dir Chorus-, Flanger- und Phaser-Pedale, alle Gitarreneffekte oder Bass-Effekte an. Wenn du überlegst, wie du sie auf dem Board anordnest, hilft dir die Pedalboard-Anleitung. Und falls du StompStory 2 über die Geschichte des Fuzz verpasst hast, schau es dir auch an.